Artenschutz, Biodiversität, Stadtklima, Überschwemmungsrisko

Stellungnahme

Bebauungsplan mit örtlicher Bauvorschrift “Holzmoor-Nord”, GL 51 Beteiligung der Öffentlichkeit gemäß § 3 (2) Baugesetzbuch Öffentliche Auslegung der Entwürfe vom 21. Juni bis zum 21. Juli 2021

Meine Stellungname:

Sehr geehrte Mitmenschen!

Ich wende mich gegen das Baugebiet Holzmoor Nord, da dies voraussichtlich zu einer weiteren Verschlechterung hinsichtlich Artenschutz, Biodiversität, Stadtklima, Überschwemmungsrisko und zunehmender Schadstoffbelastung durch mehr Verkehr bei gleichzeitigem Verlust frischluftschaffender und dem Grundbedürfnis Naturkontakt (Naherholung, Regeneration) dienenden Fläche führen würde.

Für das, was diesbezüglich das Planungsgebiet selbst nicht bieten kann, wird einfach der schon jetzt stark frequentierte Naturraum der Auenlandschaft benutzt bzw. mit einer neu geplanten Wabe-Brücke in geradezu übergriffiger Weise einverleibt. Hier sollte sich nicht die Natur an Baugebiete, sondern Baugebiete an die Natur anpassen. Andernfalls sehen wir wohl auch hier früher oder später eine wütende Natur: Zunehmende Bodenversiegelung führt zu einem mehr an Überschwemmungen.

Randbereiche des Baugebietes gehören zum Feuchtgebiet rund um die Auen der Wabe. Überschwemmungen gehören in regenreichen Jahren zur Normalität.

Die ausgewiesenen Überschwemmungen sind Stand vom Jahr 2011. https://www.braunschweig.de/leben/umwelt_naturschutz/wasser/pdf_wasser/ueberschwemm/wabe/2011_Wabe_Mittelriede_Blatt7.pdf

Ich lebe selbst im Überschwemmungsgebiet von Wabe-Mittelriede und Oker und konnte, selbst betroffen 2017, bestätigen das auch hier in den letzten Jahren Auswirkungen von Hochwassern unterschätzt wurden.

Die Flächenversiegelung in und um diese Stadt nimmt dennoch ungebremst zu. Wertvolle Lebensräume für Flora und Fauna, kostbare Ackerböden gehen verloren oder sind gefährdet. Naturnahes Leben ist umsoweniger möglich je mehr eben diese Natur durch immer neue Bau- und Gewerbegebiete zerstört wird. Was weg ist, ist weg.

Die Idee eines Stadtbahnausbau per “Campusbahn” mit einer Auenquerung per monumentalem Brückenbauwerk, ist zwar kürzlich in die nächste Ratsperiode aber leider immer noch nicht zu den Akten gelegt worden. Sie könnte immer noch - und sei es nur des Fördergeldes (für einen theoretischen Klimanutzen durch ein überdimensioniertes neues Baugebiet) wegen - das Auengebiet und seinen Biotopverbund beschädigen, und makabererweise damit staatlich gefördert sogar dem schaden, was es retten soll.

Auf einem begrenzten Planeten benötigen wir Konzepte die mit den begrenzten Flächen intelligent umgehen:

  • Reduzierung des MIVs durch andere als freiwillige Anreize.
  • Umnutzung von bereits vorhandenen versiegelten Flächen für Wohnen und Verkehr. Der Standard was mensch heute an Komfort benötigt (1 Haus, 2 Autos mit denen ich schnell ins Umland oder die City komme und beide dadurch immer weniger lebenswert mache ist nicht mehr sozial- und umweltverträglich.)
  • Ein neues Verständnis von Zeit jenseits von Zeitwert als wirtschaftlichem Nutzen.
  • Einen Wertewandel was der Allgemeinheit dient. Es mag der Wirtschaft dienen, wenn Bauaufträge Natur zerstören, Menschen durch zuviel Autoverkehr krank werden und Medikamente und Klinikaufenthalte benötigen, dem Menschen und dem uns lebensspenden Planeten als vernetztes Ökosystem dienen sie nicht. Ob dies juristisch legal oder illegal ist, spielt bei einer anderen als geldwerten Bewertung keine Rolle.

Grün in der Stadt sollte mindestens gleichberechtigt behandelt werden wie das bebaute Grau in der Stadt. Dies ist bislang noch nicht der Fall. Ortsnahe Ausgleichsflächen gibt es meines Wissens in Braunschweig nicht ( https://geoportal.braunschweig.de/WebOfficeNet/synserver?project=UIS_Kompensationsflaechenkataster_Net ) und kann es bei einem den Klimawandel und begrenzte Resourcen ignorierenden oder nicht ernst nehmenden Weiter-So in der Versiegelung für neue Baugebiete (Wohnen, Gewerbe, Verkehr) auch nicht geben. Daran ändert auch die wiederholte Zitierung von Gesetzestexten nichts: im Sinne von “Beeinträchtigte Natur muss ausgeglichen, ersetzt werden. Das steht im Gesetz, und darum ist es so.” Nein, dem ist NICHT so und das ist der Stadtverwaltung auch bekannt. Durch die Wiederholung wird so eine Aussage weder wahr noch logisch.

Naturschutz wird bei Baumaßnahmen immer wieder mißachtet, geduldet, nicht kontrolliert. Natur ist in diesem Zusammenhang wertvoll als Spekulationsobjekt, wird ansonsten aber als wertlos und Betätigungsgebiet für Ehrenamtliche betrachtet. (Pflegebiotope, Aufruf der Stadt zu Baumspenden, …) Ob Wildtiere panisch umherirren, weil ein Bauzaun sie einsperrt, existiert nicht im Bewusstsein neoliberal orientierter Investoren.

Noch intakte Lebensräume der Artenvielfalt müssen erhalten, geschützt, wiederhergestellt werden. Es ist absurd mit Kleinstmaßnahmen wie Pocketparks und Mooswänden mühsam fürs Klima zu kämpfen und zugleich das was es bereits gibt zu zerstören. Jeder Baum, jede Hecke, jeder Strauch, jede Wiese zählt. Das Verschwinden einer einzigen Pflanzenart kann ungebremst andere Arten verschwinden lassen und ein ganzes Ökosystem destabilisieren. Wir brauchen keine Roboterbienen. Die echte Biene (incl. der vielen Wildbienen) ist perfekt, und verlangt auch kein Geld für ihr wertvolles uns Nahrung sicherndes Tun. Jede versiegelte Fläche heizt das Stadtklima weiter auf, zerstört Lebensräume von Flora und Fauna, und schadet so auch unserer Gesundheit, seelisch, körperlich, psychisch.

Den ausgelegten Plan erachte ich als im Jahr 2021 absolut unzeitgemäß, und den Erfordernissen an eine mindestens enkeltaugliche Zukunft als nicht angemessen.

Ich schließe mit einem Zitat zur im Juni 2021 veröffentlichten Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Umweltbundesamts, deren Kurzfassung hier einsehbar ist: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/KWRA-Zusammenfassung

“Die Liste ist sehr lang, was Deutschland alles tun müsste, um sich auf die Folgen der Klimaerhitzung einzustellen. Die Städte brauchen mehr Bäume und mehr Grünflächen, auch mehr Kaltluftschneisen, um den Wärmeinseleffekt im Sommer abzumildern.

Asphaltierte Flächen müssen entsiegelt oder mit wasserdurchlässigen Baustoffen ersetzt werden. Gebäude müssen anders konzipiert und gebaut werden als bislang. Im Straßenbau braucht es Beläge, die Hitze und Starkregen aushalten. Das Schienennetz muss sturmsicher gemacht werden.

Flüsse brauchen mehr Raum. Auch für Böden und Wälder braucht es naturnahe oder noch besser naturstärkende Lösungen – um die Resilienz angesichts zunehmender Hitze, Trockenheit und Starkregenereignissen im gesamten Bundesgebiet zu erhöhen.

Diese und viele weitere Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels hat das Umweltbundesamt (UBA) zusammen mit zahlreichen Klimaexpert:innen von Behörden und Ministerien aufgelistet. Die sehr umfangreiche Klimawirkungs- und Risikoanalyse 2021 wurde heute von UBA und Umweltministerium vorgestellt.” (Quelle: https://www.klimareporter.de/deutschland/klimarisiko-analyse )

Das Zeitfenster der Auslegung erachte ich als zu kurz und plädiere für eine Verlängerung der Frist um mindestens 4 weitere Wochen. Davon abgesehen fordere ich ein Memorandum zur Weiterverfolgung des Projektes, bis den aktuellen Erfordernissen gerecht werdende Grundsätze einer zukunftstauglichen Umweltplanung existieren und verpflichtend angewendet werden.

Mit hoffnungsvollen Grüßen

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